Richtig streiten im Büro und privat

Michael RossieMichael Rossié arbeitet seit 30 Jahren als Sprechtrainer und Speaker im Auftrag verschiedener Radio- und Fernsehsender. Er coacht Chefs von Dax-Unternehmen, arbeitet mit Schlagersängern, trainiert Fußballer für den Auftritt im Fernsehen und bildet Fernsehmoderatoren aus. Er ist Vizepräsident der German Speakers Association und einer der Top 100 Speaker bei Speakers Excellence.

Rossié ist der Fachmann für Rhetorik und schwierige Gespräche. Für uns fasst er seine 10 wichtigsten Tipps fürs richtige Streiten zusammen – üben und nachmachen erwünscht!

  1. Wasser und Öl mischen sich nicht

So wie sich Wasser und Öl nicht mischen, verhält es sich auch mit Emotion und Verstand. Versuchen Sie nicht, einen emotionsgeladenen Menschen sofort mit rationalen Argumenten zu beruhigen! Mit wütenden Menschen kann man erstmal nur über ein Thema reden: über ihre Wut. Sie wollen keine Erklärungen, keine Rechtfertigungen, keine Begründungen, sondern darüber reden, warum sie jetzt so furchtbar wütend sind.

Deswegen ist der einfachste Weg, mit der Wut eines anderen Menschen umzugehen, der, ihn zu fragen warum er so wütend ist. Variationen sind:

  • Was ist los?
  • Du bist ja so richtig geladen!
  • Ärgerst du dich über mich?

Wenn der andere sich dann gehörig darüber ausgelassen hat, was ihn so auf die Palme gebracht hat, dann können Sie mit den meisten Menschen ganz vernünftig darüber reden, wie Ihre Sicht auf die Dinge ist und was Sie zum Thema zu sagen haben. Aber erst, wenn der andere sich beruhigt hat.

  1. Symptom oder Ursache?

Geht es wirklich darum, worum es zu gehen scheint? Oder lag der Auslöser für den Streit ein paar Tage, Wochen oder Jahre zurück? Oder lag der Auslöser in meinem sonstigen Verhalten? Viele Menschen sprechen ein Problem, das sie haben, nicht sofort an, sondern tragen es länger mit sich rum und „lassen es reifen“. Wenn sie aber endlich reden wollen, gibt es oft keine gute Gelegenheit dazu. Damit sie es aber loswerden, sorgen sie dafür, dass ihr Thema zur Sprache kommt, auch wenn es im Moment völlig unpassend ist. Idealerweise erkennen Sie, dass es sich hier um ein Symptom handelt und gehen auf die Emotion ein, um herauszubekommen, wo die eigentliche Ursache liegt:

  • Das mag sein, aber weswegen bist du so zögerlich?
  • Du sagst das so gelangweilt. Bis du sicher, dass das mit unserem Thema zu tun hat?
  • Kannst du mir mal sagen, warum du jetzt so ärgerlich bist? Das hat doch nichts mit X zu tun?

Lassen Sie nicht locker, wenn der andere nun versucht, Ihnen zu erklären, er habe gar nichts. Menschen, die einen Satz mit starker Emotion garnieren, wollen über die Emotion sprechen und nicht einen Beitrag zum Thema liefern. Getreu dem Motto: „Hast du was?“ (geschrien)  – „Nein!“ – „Aha, du hast also was!“ 

  1. Das richtige Timing und Setting wählen

Überfahren Sie andere nicht mit schwierigen Gesprächen. Sie selbst haben sich vorbereitet. Also geben Sie im besten Fall auch dem anderen die Möglichkeit, sich auf das Gespräch einzustellen. Es gibt Zeiten, die eignen sich nicht für schwierige Gespräche. Auf dem Gang in der Firma zu erfahren, dass der andere die Präsentation für eine Katastrophe hielt oder auf dem Parkplatz gesagt zu bekommen, dass man arrogant sei, ist eine Gemeinheit. Stimmen Sie erst den Zeitpunkt ab und dann führen Sie Ihr schwieriges Gespräch:

  • Ich möchte mich über gestern mit dir unterhalten. Wann geht das?
  • Ich habe mich geärgert. Wann hast du mal Zeit darüber zu sprechen?
  • Kann ich Dich morgen mal 10 Minuten sprechen? Ich habe was auf dem Herzen. Es geht um XY.

Man ist nur vermeintlich im Vorteil, wenn der andere überfahren wird. Vielleicht wird er schneller etwas zugeben oder ein Zugeständnis machen. Doch spätestens zu Hause wird er sich ärgern und wird auf Rache sinnen. Nur wenn schwierige Gespräche fair ablaufen, sind sie sinnvoll. Und dazu gehört, dass jeder schon vorher Bescheid weiß, worum es geht. 

  1. Zuhören ist Gold

Zuhören ist besser als reden. Die meisten Menschen werden in schwierigen Gesprächen erst einmal los, was sie seit Tagen mit sich rumschleppen. Die Konsequenz ist, dass sie nichts lernen, nichts erfahren und vor allem nicht verstehen, warum der andere so gehandelt hat. Und das ist manchmal sehr wichtig, um zu entscheiden, wie man weiter vorgehen soll. Finden Sie heraus, was los ist und vermeiden Sie es, das Gespräch dazu zu benutzen, mal alles zu sagen, was Ihnen seit Monaten auf dem Herzen liegt. Sagen Sie kurz, was Sie dem anderen vorwerfen, z.B.

  • Du bis vier Mal zu spät gekommen.
  • Gestern hast du Heike dauernd unterbrochen.
  • Kann es sein, dass du mir in letzter Zeit aus dem Weg gehst?

Zuhören ist Gold wert: Hören Sie der Antwort genau zu, bevor Sie entscheiden, was zu tun ist. Es ist nämlich sehr gut möglich, dass eine Erklärung die ganze Sache in einem anderen Licht erscheinen lässt. Nur wer zuhört, erfährt etwas. Wer nur redet, wird nicht klüger.

  1. Schreien Sie Bäume an, nicht Menschen

Wenn Sie selbst wütend sind, gibt es nur eine Empfehlung, und die ist ziemlich einfach zu merken: Weg von lebenden Menschen! Schreien Sie im Wald Eichen an, bearbeiten Sie Boxbälle, gehen Sie ins Fitnessstudio oder haben Sie heißen Sex. Tun Sie alles, um Ihre Spannung abzubauen, aber belästigen Sie andere nicht mit Ihrer Wut. Die Wut gehört Ihnen allein, und Sie sind für Ihre Wut verantwortlich. Wenn Sie sich beruhigt haben, dann können Sie gerne auf das Thema zurückkommen.

  • Weißt du, dass ich gestern ziemlich wütend auf dich war?
  • Ich hätte dich gestern umbringen können.
  • Ich kann dir gar nicht sagen, wie ich mich vorgestern über dich geärgert habe.

Sprechen Sie über Ihren Ärger mit dem vermeintlichen Verursacher. Aber erst, wenn Sie sich wieder beruhigt haben. Beantworten Sie unangenehme E-Mails nie sofort, geben Sie kein contra, wenn Sie angegriffen werden und schlagen Sie nicht zurück, wenn der andere Sie angreift. Es würde ein völlig sinnloser Kampf entstehen, bei dem beiden nur verlieren.

  1. Beenden Sie eine Situation souverän, bevor Sie explodieren

Es gibt Menschen, die können einen mit wenigen Sätzen zur Weißglut bringen. (Vorzugsweise Menschen, mit denen man verwandt oder verheiratet ist.) Damit die Situation nicht eskaliert, sollten Sie genau den Zeitpunkt bestimmen, an dem Sie das Gespräch beenden. Gehen Sie raus aus der Situation, wenn Sie merken, dass Sie zornig werden und Wut in Ihnen aufsteigt. Wenn es ein anderer Mensch schafft, Sie wütend zu machen, hat er Macht über Sie, und diese Macht dürfen Sie ihm nicht geben. Also beenden Sie das Gespräch. Das geht auch mit dem Chef oder dem Verhandlungspartner.

  • Das wird mir jetzt zu viel. Lass uns Schluss machen.
  • Lieber Chef, der letzte Satz hat wehgetan. Ich möchte morgen weiterreden.
  • Ich fühle mich von Ihnen beiden bedrängt. Wir sollten morgen weitermachen.

Wenn Sie die Sätze übersetzen, heißen sie nichts anderes als: Wenn wir da jetzt weitermachen, dann explodiere ich. Und wenn ich explodiere, bleibt hier kein Stein auf dem anderen. Da ich das nicht will, hören wir jetzt auf. So gibt es am nächsten Tag oder im nächsten Augenblick nur einen, der sich entschuldigen muss. Sie haben rechtzeitig die Notbremse gezogen und bleiben souverän.

  1. Packen Sie den Stier bei den Hörnern

Viele Menschen sprechen es nicht offen an, wenn Sie ein Problem mit Ihnen haben. Aber sie drücken nonverbal aus, dass etwas nicht stimmt. Sie grüßen nicht mehr, machen spitze Bemerkungen, sind plötzlich süffisant oder kommen zu Terminen zu spät. Beliebt ist auch Widerspruch in größerer Runde oder demonstratives Desinteresse. Packen Sie den Stier am besten bei den Hörnern und sprechen Sie das „neue“ Verhalten einfach an.

  • Stimmt irgendwas nicht?
  • Was ist los mit dir?
  • Ich werde das Gefühl nicht los, dass es mit uns nicht mehr so ist wie früher.

In den allermeisten Fällen wird der andere froh sein, dass das Problem nun angesprochen wird. Es ergießt sich ein ganzer Schwall von Vorwürfen und alten Geschichten, die den anderen geärgert haben. Das ist manchmal sehr ärgerlich, aber es reinigt die Luft und ist die wichtigste Voraussetzung, dass man mit dem anderen wieder störungsfrei zusammenarbeitet. Danach steht man sich deutlich näher als vor dem Vorfall.

  1. Sie können den Hund nicht zum Jagen tragen

Und wenn Sie den anderen nun ansprechen, und der gibt es nicht zu? Er behauptet nichts zu haben, es sei nichts, das bildeten Sie sich nur ein, Sie sollen nicht so empfindlich sein? Dann lassen Sie ihn. Sie können niemanden zwingen, sich auszusprechen. Man kann einen Hund nicht zum Jagen tragen. Und wenn er nicht will, wird er seine Gründe haben. Aber Sie machen klar, dass Sie das so nicht möchten:

  • Du hast wirklich nichts? Mir ist das unangenehm, wenn wir so miteinander umgehen.
  • Ich war überzeugt, dDu hast was. Ich habe mir schon Sorgen gemacht.
  • Wenn du ein Problem mit mir hättest, du würdest mich ansprechen, oder?

Nehmen wir an, der andere gibt es immer noch nicht zu. Okay. Aber er kann jetzt nicht weitermachen. Er kann seine Taktik, Ihnen nonverbal zu zeigen, dass etwas ist, nicht weiterführen. Und das war Sinn und Zweck des Ganzen. Aber möglicherweise sitzt er plötzlich in der Kaffeepause neben Ihnen, und Sie führen wie zufällig ein sehr gutes Gespräch über die Probleme, die er mit Ihnen hat.

  1. Lassen Sie Milde walten

Das ersehnte Gespräch ist da. Endlich redet man über das, was einen Tage und Wochen bewegt. Der andere entschuldigt sich, sieht ein, bittet um Verständnis und möchte, dass es wieder so ist wie vorher. Jetzt könnte der Gedanke aufkeimen, dass der andere es sich ein bisschen einfach macht. Der entschuldigt sich jetzt einfach, und Sie sollen die ganzen Wochen, in denen Sie sich geärgert haben und ungerecht behandelt wurden, einfach vergessen. Sie könnten sagen:

  • Dann hatte ich also doch Recht.
  • Das hättest du schon vor Wochen zugeben können.
  • Da bin ich ja froh, dass du das endlich einsiehst.

Doch fällt einer dieser Sätze, ist alles wieder kaputt. Es fällt so schwer, zuzugeben, dass wir einen Fehler gemacht haben. Und manche Menschen machen das auch noch sehr halbherzig und wenig gekonnt. Wir haben das nie gelernt, mit eigenen Fehlern umzugehen. Seien Sie nachsichtig. Nehmen Sie eine Entschuldigung an, auch wenn Sie rein formal vielleicht ein bisschen klein geraten ist. Nachtreten ist wenig hilfreich. Das einzige, was Sie damit befriedigen, ist Ihr Ego. Und das sollte sich auf sinnvolle Dinge konzentrieren. 

  1. Kritik versus Feedback

Niemand freut sich über Kritik. Und Kritik führt selten dazu, dass der andere sein Verhalten ändert. Kritik führt zu Widerspruch, Rechtfertigung und Rachegefühlen. Versuchen Sie es doch mal mit Feedback.

  • Mir ist an dir was aufgefallen. Hast du Zeit mal drüber zu reden?
  • Mir liegt was auf der Seele, was ich gerne mit dir besprechen möchte.
  • Weißt du, was mir gestern durch den Kopf ging?

Ein Feedback ist immer hilfreich. Es gibt dem anderen eine Information, die er vorher noch nicht hatte. Und das schöne ist: Da gibt es auch keinen Widerspruch. Wie wollte ich dem Eindruck, den ein anderer von mir oder meiner Verhaltensweise hat, widersprechen? Das ist wenig sinnvoll. Ich höre mir an, was er zu sagen hat und entscheide dann, ob ich mein Verhalten in Zukunft ändern will. Wenn Sie Kritik in ein Feedback verwandeln, dann machen Sie aus dem Rumnörgeln am anderen eine Bitte um Hilfe. Eine sehr effektive Methode, Verhaltensweisen anderer Menschen zu beeinflussen.